Sicherheit auf allen Wegen
Immer wieder werden die Feuerwehren zu Einsätzen im Straßenverkehr gerufen. Manchmal sind es „nur“ auslaufende Betriebsstoffe, die den Einsatz der Feuerwehr erfordern, manchmal aber auch aufwändige Rettungs- und Bergungsaktionen. Insofern kennen die Angehörigen der Feuerwehren die Gefahren des Straßenverkehrs nur zu gut. Dennoch werden auch sie immer wieder Opfer von Verkehrsunfällen – Grund genug für uns als Unfallversicherungsträger, hier präventiv tätig zu werden.
Für Schlagzeilen sorgten in den vergangenen Monaten immer wieder Unfälle mit Einsatzfahrzeugen von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei. Doch diese spektakulären Ereignisse, die aufgrund der Berichterstattung nicht nur in den Fachkreisen bekannt und diskutiert werden, stellen nur einen kleinen Teil des Unfallspektrums im Straßenverkehr dar.
Bevor man sich daran macht, irgendwelche Präventionsmaßnahmen zu planen, muss man sich erst einmal darüber im Klaren werden, welche konkrete Gefahr durch die Maßnahmen in das Bewusstsein der Versicherten gerückt werden soll. Bezogen auf unsere Versicherten – die Angehörigen der Feuerwehren – können verschiedene Unterscheidungskriterien für die Festlegung dieser konkreten Gefahr aufgeführt und miteinander kombiniert werden:
Zielgruppe:
- Einsatzabteilung (insbesondere, weil diese sich zum Teil sehr schnell im Verkehr bewegen muss)
- Kinder- und Jugendabteilung (gehören per se zum gefährdeten Personenkreis)
- Altersabteilung (mit zunehmendem Alter steigt die Gefährdung im Straßenverkehr auch wieder an)
- Musikabteilung (die Musiker müssen auch noch viel Material – ihre Instrumente – transportieren)
Fortbewegungsart:
- Einsatzfahrzeug (vollbesetzt oder leer)
- Privat-PKW (als Fahrer)
- Kraftrad
- Fahrrad
- „Spielzeuge“ (Inline-Skater, Kickboards etc.)
- Fußgänger
Zurückgelegte Wege:
- Wohnung – Feuerwehrhaus und zurück
- Wohnung – Einsatzort und zurück
- Feuerwehrhaus – Einsatzort und zurück
- Feuerwehrhaus – Übungsort und zurück
- Feuerwehrhaus – Veranstaltungsort und zurück
- Arbeitsstätte – Feuerwehrhaus und zurück
- Arbeitsstätte – Einsatzort und zurück
- Versorgungsfahrten
- Ab- und Umwege
Rolle des Verkehrsteilnehmers:
- Aktiv, z. B. als Fahrzeugführer
- Passiv, z. B. als Mitfahrer
Besondere Störfaktoren:
- Beschleunigtes Anfahren zum Feuerwehrhaus nach Alarm
- Alarmfahrt mit Nutzung der Sondersignalanlage
- Tages- bzw. Nachtzeit (aus dem Schlaf herausgerissen)
- Persönliche Konstitution (z. B. ausgeschlafen, nach vorherigem Alkoholgenuss, unter Medikamenteneinfluss)
- Lärm bzw. Nebengeräusche durch Mitfahrer
- Ungewohntes Fahrverhalten bzw. ungewohntes Fahrzeug
Obwohl diese Aufzählung nicht vollständig ist, kann man erahnen, wie viele verschiedene Kriterien und Kriterienkombinationen es zur Festlegung der Art der Gefahr gibt. Auch die Präventionskampagnen anderer Institutionen zielen jeweils nur auf sehr eng begrenzte Themengebiete, siehe z. B. „Hallo Partner“, „Klick – Erst gurten, dann Starten“, „Runter vom Gas“, „Jugend will sicher leben“, „Hast Du die Größe?“, „Innerorts – Raum für Alle!?“ und andere.
Dabei wird deutlich, dass zahlreiche bereits bestehende Präventionskampagnen auch direkt auf die Feuerwehren angewandt werden können. Dennoch gibt es bei den Feuerwehren zahlreiche Konstellationen, für die spezielle Kampagnen erforderlich sind. So kann man z. B. die bereits relativ speziellen Fahrsicherheitstrainings für Fahrer von Einsatzfahrzeugen, die ja schon vielfach angeboten werden, durchaus für die Feuerwehren nutzen. Aber meist werden diese Seminare für die Polizei und den Rettungsdienst angeboten und damit sind im Feuerwehrbereich nur die Fahrer von MTF, ELF 1, TSF und ähnlichen Fahrzeugen abgedeckt. Fahrer der größeren Einsatzfahrzeuge werden hierbei in der Regel nicht erfasst spezifischere Fahrsicherheitstrainings sind also erforderlich.
In den nächsten Jahren wird sich die Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen verstärkt dem Thema „Verkehrssicherheit“ widmen und sowohl allgemeine Präventionsmaßnahmen anwenden als auch spezielle Maßnahmen für die Feuerwehren mitentwickeln. Doch bis diese Maßnahmen und Kampagnen, die in enger Abstimmung mit den anderen Unfallkassen und Berufsgenossenschaften sowie dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat entwickelt werden, uns zur Verfügung stehen, wird die Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen mit dem bei den niedersächsischen Feuerwehren bewährten System „Hilfe zur Selbsthilfe“ das Thema „Verkehrssicherheit“ mit eigenen Aktionen zum Inhalt ihrer Präventionsmaßnahmen machen.
Schon seit vielen Jahren etabliert ist beispielsweise die Unterstützung der Feuerwehren bei der Durchführung von Fahrsicherheitstrainings durch einen nicht unerheblichen finanziellen Zuschuss. Wie das bei Feuerwehren so ist: einen Fahrlehrer, der als Instruktor eine solche Veranstaltung durchführen kann, können viele Kreisfeuerwehren auftreiben. Auch ein entsprechendes Gelände zu finden, ist für die Feuerwehren mit ihren zahlreichen Verbindungen und Kontakten kein Problem. Bleibt noch das Material, das für eine solche Veranstaltung benötigt wird. Mit dem Zuschuss der FUK ist es den Kreisfeuerwehren möglich, das benötigte Material zu beschaffen und die Fahrsicherheitstrainings im eigenen Wirkungskreis selbst durchzuführen.
Ähnlich verhält es sich bei den Jugendfeuerwehren. Schon 1996 wurde den Jugendfeuerwehren mit dem Ordner „Sicherheitserziehung in der Jugendfeuerwehr“ Material an die Hand gegeben, um z. B. auch das Thema „Verkehrssicherheit“ in den Jugendfeuerwehren zu behandeln. Speziell für die Verkehrssicherheitvon Fahrrädern wurden dann 1998 die Aufkleber „King of Bike“, mit denen die verkehrsicheren Fahrräder der Jugendfeuerwehrangehörigen gekennzeichnet werden konnten, verteilt.
Dennoch wird immer wieder nach Material gefragt, mit dem man das Thema „Verkehrssicherheit“ in der Jugendfeuerwehr interessant und nachhaltig behandeln kann. Es scheint also wieder an der Zeit zu sein, den Jugendfeuerwehrwarten diesbezüglich eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu geben. Großer Wert wird diesmal darauf gelegt, dass nur wenig Material von anderen benötigt wird und die Jugendfeuerwehren in die Lage versetzt werden, selbst die eine oder andere spannende Aktion rund um das Thema „Verkehrssicherheit“ durchzuführen. Bei den Auftaktveranstaltungen wurden viele verschiedene Themen angeschnitten und besprochen. Dies muss bei den Jugendfeuerwehren vor Ort nicht so gemacht werden. Ziel der Auftaktveranstaltungen war es, Anregungen und Denkanstöße zu geben und nicht, den JF-Dienst „Verkehrssicherheit“ für den Dienstplan der JF vorzubereiten und zu planen, so dass der Jugendfeuerwehrwart nur noch das Konzept aus dem Regal nehmen muss und seine Kids damit „beglücken“ kann. Verschiedene mögliche Themengebiete wurden mit Möglichkeiten zur Erarbeitung des Themas dargestellt, um zu zeigen: Dies und jenes könnte man so oder anders machen. Welches Themengebiet den Vorrang hat, wie es den Kids nahe gebracht wird, wer dabei Unterstützung bieten kann, ist nur vor Ort zu klären. Erster Ansprechpartner dabei sollte die Polizei sein, die über Kontaktbeamte und Verkehrssicherheitsberater verfügt, die durch ihre Tätigkeit entsprechende Materialien und Kenntnisse besitzen.
Doch nun wollen wir endlich in die Materie einsteigen und eine Aktion vorstellen:
Verkehrssicherheitsaktion bei der JF Ilten (Stadt Sehnde, Region Hannover)
Am 24.10.2008 bekamen die Kinder und Jugendlichen der Jugendfeuerwehr Ilten Besuch von zwei bekannten und einigen noch nicht so bekannten Menschen. Die Bekannten waren die Polizeioberkommissare Meinhart Schlenker, Kontaktbeamter der Polizeistation Sehnde, und Uwe Bollbach, Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Burgdorf. Beide sind der Jugendfeuerwehr Ilten von mehreren gemeinsamen Aktionen bekannt. Zu den eher unbekannten Menschen gehörten die Mitarbeiter der FUK, die diese Aktion geplant und durchgeführt haben: Thomas Wittschurky, Geschäftsführer der FUK, Rebekka Uhrbach, Pressestelle, Julia Reupke, Auszubildende, und die zuständige Aufsichtsperson Jochen Köpfer.
Ein erster Blick galt den „anrückenden“ Kindern und Jugendlichen sowie den von ihnen benutzten Transportmitteln. So gab es gleich ein Lob vom Kontaktbeamten für diejenigen, die mit verkehrssicherem Fahrrad und Fahrradhelm gekommen waren. Die Fahrräder wurden gemeinsam überprüft und dabei wurde auch gleich die Funktion der Sicherheitseinrichtungen erläutert. Besonders fiel dabei ein Fahrrad auf, das deutlich über dem Standard ausgestattet war. Neben den ohnehin erforderlichen Sicherheitseinrichtungen war jenes Fahrrad mit Standlicht und einem Nabendynamo, der im Gegensatz zu Seitenläuferdynamos, die bei Nässe wegen durchrutschender Laufrollen oft Schwächen zeigten und wenig Leistung brachten, immer verfügbar ist und witterungsunabhängig funktioniert, ausgestattet. Zusätzlich hatte es anstelle der Speichenreflektoren Reifen mit Reflexstreifen auf den Flanken. Da aber auch einer der „Großen“ mit seinem Roller gekommen war, wurde auch dieser überprüft und insbesondere die dafür erforderliche Schutzausrüstung besprochen.
Tipp: Wer auch ohne Kontaktbeamten eine Fahrradüberprüfung durchführen möchte, findet eine entsprechende Checkliste und viele Informationen zum Thema in der Broschüre „Das sichere Fahrrad“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. e.V. (DVR). Leider ist diese Broschüre zurzeit vergriffen, aber man kann sie sich im Internet unter der Adresse www.dvr.de herunterladen. Richtig Spaß macht den Kids eine Fahrradüberprüfung übrigens, wenn man die Fahrräder auch gleich zusammen fit macht. Der örtliche Fahrradhändler stellt sicher einige Ersatzteile günstig zur Verfügung, wenn man nett fragt. Ebenfalls gern gesehen wird es, wenn man die Fahrräder nach erfolgreicher Überprüfung auch gleich durch die Polizei kodieren lässt.
Als nächstes wurde der „Tote Winkel“ besprochen. Beispielhaft haben sich die Jugendfeuerwehrleute am Rüstwagen (RW 1, Unimog U1300L, Aufbau Wackenhut) der Ortsfeuerwehr erarbeitet, wo und vor allem warum überall ein so genannter „Toter Winkel“ zu finden ist. Dazu wurde ein(e) Jugendfeuerwehrangehörige( r) ausgesucht, der/die auf dem Fahrersitz Platz nimmt und den anderen Kameraden sagt, ob er/sie sie sieht oder nicht. Entsprechend dieser Ansagen markieren die anderen Kameraden die sichtbaren Bereiche mit Mehrzweckleinen (oder Flatterband), die dazu vorher am Außenspiegel und an der Tür befestigt wurden.
Der „Tote Winkel“ ist an diesem Fahrzeug sogar so groß, dass sich die Gruppe zu einem Gruppenfoto in den „Toten Winkel“ stellen konnte. Nachdem der „Tote Winkel“ erarbeitet und markiert wurde, wurden auch noch einige Verkehrssituationen daran dargestellt, um den Kindern und Jugendlichen anschauliche Beispiele für gefährliche Situationen im „Toten Winkel“ zu zeigen.
Dies kann auch an anderen Fahrzeugen wiederholt werden, da alle Fahrzeuge einen bzw. mehrere „Tote Winkel“ haben. Mit Hilfe kleinerer Fahrzeuge (z. B. MTW) kann man den Kindern und Jugendlichen zeigen, dass sie neben keinem Fahrzeug sicher sein können, d. h. dass der Fahrer sie gesehen hat, wenn sie nicht Blickkontakt zu ihm aufbauen konnten.
Ein weiteres Thema war die Anschnallpflicht und die Möglichkeiten zur Sicherung von Kindern in Fahrzeugen. Mit Hilfe eines Gurtschlittens und einer Puppe wurde demonstriert, welche Auswirkungen es bereits bei Tempo 30 hat, wenn man nicht angeschnallt ist. Die Puppe flog in hohem Bogen aus dem Sitz und landete nach einigen Metern unsanft auf dem Boden. In einem Fahrzeug wären in dieser Flugbahn allerdings noch das Fahrzeugdach, die Vordersitze, das Armaturenbrett bzw. die Windschutzscheibe, gegen die die Puppe bei einem realen Unfall geprallt wäre, im Weg gewesen. An dem Gurtschlitten konnte auch gezeigt werden, wie man sich richtig anschnallt und welche Folgen es hat, wenn man dies nicht tut, z. B. wenn kleinere Kinder ohne zugelassene Rückhaltesysteme angeschnallt werden. Um auch ein Positivbeispiel zu zeigen, wurde am Beispiel des JF-Mobils der Stadt Sehnde, das an allen acht Mitfahrersitzplätzen über Dreipunktgurte und zugelassene Sitzerhöher (Kindersitze) verfügt, die richtige Sicherung geübt.
Tipp: Mit diesem Thema sollten sich, mit Unterstützung der Jugendfeuerwehrwarte und -betreuer, auch die Eltern, die ihre Kids in ihren eigenen Fahrzeugen transportieren, auseinandersetzen. Dabei geht es weniger um die Wege zum JF-Dienst und wieder zurück, sondern insbesondere um Veranstaltungen, zu denen die JF gefahren werden. Häufig stehen den Jugendfeuerwehren nicht genügend Feuerwehrfahrzeuge zur Verfügung, um alle Jugendfeuerwehrangehörigen zu transportieren. Neben den Privat-PKW der Betreuer kommen dann auch oft die Fahrzeuge von Eltern zum Einsatz. Grundsätzlich ist der Fahrzeugführer für die ordnungsgemäße Sicherung der Mitfahrer verantwortlich. Aber wenn man sich einmal im Straßenverkehr umsieht, wird man erschrocken feststellen, wie oft Kinder unzureichend gesichert transportiert werden. Es ist daher anzuraten, dass sich die Betreuer selbst davon überzeugen, dass die Jugendfeuerwehrangehörigen richtig gesichert sind.
Positiv begleitet wurde diese Verkehrssicherheitsaktion auch durch die Niedersächsische Jugendfeuerwehr. Landesjugendfeuerwehrwart Heinrich Eggers ließ es sich nicht nehmen, sich vor Ort selbst über diese Aktion zu informieren.Weitere Aktionen, die man mit der Jugendfeuerwehr durchführen könnte, sind zum Beispiel Geschicklichkeitsparcours, die mit dem Fahrrad/Mofa/Motorroller/Kickboard/Inlinern bewältigt werden müssen. Dazu können verschiedene Geräte der Feuerwehr, z. B. Schlauchbrücken, Verkehrsleitkegel etc. benutzt werden. Als weiteres Beispiel könnte sich die JF mit Fahrradhelmen beschäftigen. Mit Hilfe von Melonen kann die Schutzwirkung der Helme beispielsweise demonstriert werden.
Ganz wichtig ist allerdings die Vorbildfunktion der Jugendfeuerwehrwarte und -betreuer. Wer sich selbst nicht anschnallt, wird von den Kids kaum ernst genommen, wenn er sie auffordert, sich anzuschnallen. Daher sollte jede Aktion, die zum Thema Verkehrssicherheit in der JF durchgeführt wird, zu einer kritischen Selbstreflektion der Jugendfeuerwehrwarte und –betreuer führen.
Mögliche Ansprechpartner für Verkehrssicherheitsaktionen können neben der örtlichen Polizeidienststelle der örtliche Fahrradhändler, örtliche Schulen (dort ist eventuell entsprechendes Material vorhanden), örtliche Fahrschulen, der ADAC, der ADFC und die Landesverkehrswacht Niedersachsen sein. Im Internet findet man eine Fülle von Angeboten und Materialien, z. B. unter
www.innerorts-raum-fuer-alle.de








