Symposium PSNV in Hannover

Fast 80 Anmeldungen zu unserem Symposium – der gesamte Themenkomplex der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) stößt nach wie vor auf großes Interesse.

Deshalb war es richtig, am 10. Oktober 2015 im Rahmen einer Fachveranstaltung mit namhaften Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Praxis das System der PSNV in Niedersachsen und darüber hinaus zu beleuchten und mit den Teilnehmenden zu diskutieren.

In Einsatz für andere nicht alleine - Psychosoziale Unterstützung für die Feuerwehr

Grundsätzliches
Einsatzkräfte der Feuerwehr wurden und werden mit Zerstörung, Leid, Schmerz und Tod konfrontiert. Häufig machen sie die positive Erfahrung, wirksam geholfen zu haben. Aber trotz ihres hohen persönlichen Einsatzes, ihrer Ausbildung und ihrer entwickelten technischen Ausrüstung stehen sie auch hilflos vor der Zerstörung von Sachwerten, Gesundheit oder Leben. Als besonders belastend werden Einsätze empfunden, bei denen Kinder, Familienangehörige, Kameraden oder Kollegen betroffen sind, die, überregional betrachtet, wiederkehrende Alltagskatastrophen darstellen, auch wenn sie keine Katastrophen nach der gesetzlichen Definition sind. Große, auch gewissermaßen „formal“ katastrophale Schadensereignisse wie Naturkatastrophen, viele Opfer fordernde Unglücksfälle oder Man-Made-Disasters wie Terroranschläge können ebenfalls extreme Belastungsreaktionen auslösen und die bestehenden Krisenbewältigungsstrategien Einzelner oder von Gruppen überfordern. Daher ist die in den letzten beiden Jahrzehnten erfolgte Entwicklung einer qualifizierten Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) auch für unsere Feuerwehren richtig und fördernswert.

Das unterstreichen auch nach wie vor tief in das Bewusstsein der Menschen hinein wirkende Schadensereignisse wie z. B. das Unglück bei der Flugschau in Ramstein 1988, das ICE-Unglück in Eschede 1998, die Terroranschläge in den USA von „9-11-2001“ und von Madrid und London. Dazu kommen andere größere und große Katastrophen, seien es von Naturgewalten ausgelöste wie Stürme und Hochwasser – z. B. an der Elbe – oder von Menschen bewusst herbeigeführte Ereignisse wie der in suizidaler Absicht des Co-Piloten ausgelöste Absturz eines deutschen Passagierflugzeuges im Frühjahr 2015.

Alle diese Ereignisse haben mehreres gemeinsam: Sie verdeutlichen die Notwendigkeit einer nicht nur medizinisch-physiologischen, technischen oder juristischen Aufarbeitung solcher für Helfende und Opfer – wenn auch in unterschiedlicher Weise – verstörenden Situationen. Und: Überall war die Feuerwehr an vorderster Front im Einsatz. Daher ist es konsequent, dass der Bereich der PSNV in den Feuerwehren und generell in Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) einen zunehmend hohen und anerkannten Stellenwert hat. Die so verstandene Psychosoziale Notfallversorgung meint die im Einsatz- und Organisationsalltag verankerte, umfassende psychosoziale Prävention für alle Einsatzkräfte. Dazu liegen wissenschaftlich fundierte Empfehlungen vor, die nach einem vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe moderierten Konsensusprozess länder- und organisationenübergreifend als Qualitätsstandards und Leitlinien verabschiedet worden sind. Denn das komplexe Feld der PSNV ist innerhalb und außerhalb unserer Feuerwehren sicher nicht nur von einer Fachdisziplin abbildbar, sondern bedarf der Kooperation verschiedener wissenschaftlicher Fachbereiche. Diese Einsicht wird auch deutlich in den Grundsatzpapieren verschiedener Institutionen der Feuerwehren, die teilweise in Zusammenarbeit mit anderen BOS entstanden sind. Daran waren federführend unter anderem der Deutsche Feuerwehrverband und die von ihm mitinitiierte Stiftung „Hilfe für Helfer“ sowie die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren beteiligt. Es scheint im Jahr 2015 bundesweit weitgehend anerkannter Standard zu sein, dass zu einer ganzheitlichen Einsatzbewältigung auch die Berücksichtigung psychischer und mentaler Belange gehört.

Daran orientiert sich auch die Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen und hat am 10.10.2015 ein Symposium „Psychosoziale Notfallversorgung“ mit ausgewiesenen Expertinnen und Experten durchgeführt. Das Ziel war, aktuelle Tendenzen und Herausforderungen der PSNV zu identifizieren und auszuloten, welche Maßnahmen zur Unterstützung unserer Feuerwehren aktuell und zukünftig notwendig sind.

Exemplarische Konkretionen
Auf den Internetseiten der FUK Niedersachsen (www.fuk.de) finden sich unter dem Menüpunkt Psychosoziale Unterstützung Materialien zum Download, Literaturhinweise – u. a. auf das Buch Psychische Belastungen im Feuerwehreinsatz – und grundsätzliche, in das Thema einführende Gedanken. Hier bekommen Führungskräfte der Feuerwehr (aber auch anderer BOS), am Thema generell Interessierte sowie Fachkräfte psychosozialer Arbeit wie z. B. Feuerwehrseelsorger Texte zur eigenen Verwendung (ohne Password zugänglich). Die INFO-Blätter können zur ersten übersichtsartigen Orientierung über Themen wie Stressfaktoren der Einsatzstelle, Stressreaktionen, Psychische Erste Hilfe, Posttraumatische Belastungsstörung, geregeltes Einsatznachgespräch, Umgang mit Angehörigen schwer verletzter oder getöteter Einsatzkräfte u. a. dienen. Sie lassen sich auch in Unterrichten bei der Aus- und Fortbildung einsetzen, vor allem dann, wenn man sie nicht „durchhechelt“, sondern mit einem individuellen persönlichen Bezug zum Unterrichtenden und zu den Teilnehmenden behandelt. So lässt sich die Liste möglicher Stressfaktoren von Einsatzstellen unter verschiedenen Aspekten bearbeiten: Es könnte retrospektiv auf vergangene Einsätze geschaut und gefragt werden, welche Stressoren dort relevant waren (auch solche, die in der Liste fehlen!) und wie man damals damit umgegangen ist; und ob dieser Umgang hilfreich war, oder ob es konkrete Optimierungsmöglichkeiten gibt.

Methodisch Ähnliches gilt für andere INFO-Blätter, z. B. für das über verschiedene Stressreaktionen im körperlichen, emotionalen, mentalen und verhaltensbezogenen Bereich. Unterrichtende können hier, wenn sie eine gesunde Mischung aus Persönlichem und Sachlichem präsentieren, für eigene und fremde Reaktionen auf hoch belastende Situationen sensibilisieren und gleichzeitig wiederum konkrete, in der Situation selbst und danach wirksame Bewältigungsmuster entwickeln. Das gilt in vielleicht besonderem Maß für das INFO-Blatt Psychische Erste Hilfe, das sehr basale und konkrete Hinweise auf hilfreiche Reaktionen im Kreis der Kameradinnen und Kameraden im Kontext hoher Belastungen gibt. Eine funktionierende menschliche Gemeinschaft mit wachem Blick und offenem Ohr für den anderen, Gespür für eigene und fremde Gefühle angesichts von Verletzung, Sterben und Tod, die Fähigkeit zur Zuwendung zum anderen und nicht zuletzt einen entsprechenden Rahmen gewährleistende Vorgesetzte können unterhalb der fachlichen seelsorgerlichen oder psychologisch-psychotherapeutischen Ebene gute Hilfen sein. Das INFO-Blatt zur Posttraumatischen Belastungsstörung vermittelt grundlegende Informationen und grenzt, so weit möglich, Stress-Reaktionen von Trauma-Symptomen ab: Es lenkt den Blick auf das auslösende Ereignis. Nach den Definitionen der WHO und des Diagnostisch-statistischen Manuals der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (DSM-5) ist die Konfrontation mit Tod oder schwerer Verletzung, drohend oder eingetreten, plus dem Gefühl eigener Ohnmacht und Hilflosigkeit, die Voraussetzung, um diagnostisch von einem psychischen Trauma sprechen zu können. Hier geht es auch darum, einer inflationären Verwendung des Trauma-Begriffes und einer Verwechslung mit einem unscharf gebrauchten Burn-Out-Begriff vorzubeugen.

Wer sich vertiefter in das gesamte Themenfeld einarbeiten möchte, z. B. als Führungskraft, Feuerwehrseelsorger und Feuerwehrarzt, dem empfehlen wir das Buch Psychische Belastungen im Feuerwehreinsatz von F. Waterstraat. Hier werden Grundlagen, Inhalte und Arbeitsformen der psychosozialen Begleitung der Feuerwehr auf einer breiteren Basis entwickelt.

Strukturen
Zum konkreten Handlungskonzept der FUK Niedersachsen gehört auch, einen ehrenamtlichen Fachberater für Psychosoziale Unterstützung (PSU) vorzuhalten. Pastor Frank Waterstraat ist evangelischer Theologe, war lange Jahre Fachberater Seelsorge beim Landesfeuerwehrverband Niedersachsen und Mitglied des Beirates der Stiftung Hilfe für Helfer des Deutschen Feuerwehrverbandes und ist Erster Hauptfeuerwehrmann einer Freiwilligen Feuerwehr. Er arbeitet sehr eng mit der Landespsychotherapeutenkammer Niedersachsen und dem zuständigen Referat im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn zusammen. Aufgrund seiner hauptamtlichen Tätigkeit als Leiter des Kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll der Konföderation ev. Kirchen in Niedersachsen ist er aktiv in die Seelsorge für BOS eingebunden und mit anderen evangelischen wie katholischen Einsatzkräfte- und Notfallseelsorgestrukturen vernetzt. Die psychosozialen Belange der Feuerwehr im Rahmen der FUK Niedersachsen vertritt er als Mitglied des neu gegründeten Vorläufigen Landesbeirates PSNV des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres und Sport.

Eine Mitarbeiterin der FUK Niedersachsen, Antje Dralle, nimmt sich der Thematik und der von ihr Betroffenen gezielt an. Frau Dralle steht in einem engen Austausch mit dem Fachberater PSU und ist Mitglied der bundesweiten Arbeitsgruppe „Psyche und Trauma“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Psychosoziale Unterstützung der Feuerwehr darf aber nicht nur ein theoretisches Konstrukt bleiben, sondern muss jeweils vor Ort mit Leben erfüllt werden und bleiben. Es bedurfte in den Anfangsjahren regelrechter „Missionsreisen“ durch Stadt und Land, bis es ein zunehmend dichteres Netz von Menschen, in den allermeisten Fällen Seelsorgerinnen und Seelsorger, gab, die für die Feuerwehren ansprechbar sind. Eine eigene gute Feldkompetenz in Fragen hoher psychischer Belastungen von Einsatzkräften ist unabdingbare Voraussetzung für diese Begleitaufgabe, dazu die Kenntnis von Strukturen der BOS und die Bereitschaft, sich dort einzufügen. Die zuverlässige eigene Erreichbarkeit auch außerhalb der Regelarbeitszeit gehört ebenfalls dazu. Die FUK Niedersachsen ist durch Frau Dralle und Herrn Waterstraat für die vor Ort psychosozial Tätigen ansprechbar und tauscht sich unter Wahrung der jeweiligen Verschwiegenheitspflichten zum Wohl der Betroffenen über erforderliche rehabilitative oder kurative Maßnahmen aus. Eine weitere Vernetzung besteht zu den Fachberatern Seelsorge, evangelisch und katholisch, des Landesfeuerwehrverbandes Niedersachsen und zur Stiftung Hilfe für Helfer des Deutschen Feuerwehrverbandes. Weitere Kontakte zum Forum Leitende Notärzte Niedersachsen-Bremen (FLNHB) und zur Arbeitsgemeinschaft in Norddeutschland tätiger Notärzte (AGNN) werden kontinuierlich gepflegt.

Schlussgedanke
Es ist viel Gutes getan worden in den letzten Jahren. Angesichts des demografischen Wandels, der auch die Feuerwehren vor neue Herausforderungen stellt, angesichts eines immer größer werdenden Drucks der Arbeitswelt auf den Einzelnen und angesichts neuer gesellschaftlicher Herausforderungen wie der gegenwärtigen Migrationsbewegung wird das Thema der psychosozialen Unterstützung der Feuerwehr relevant bleiben. Die Einsätze selbst werden komplexer, die Anforderungen an alle Einsatzkräfte steigen. Mit unserem Symposium hoffen wir dazu beigetragen zu haben, diejenigen, die auf diesem Feld arbeiten, und diejenigen, die schwere Einsätze zu bewältigen haben, mit Inhalten, Methoden und Netzwerken zu unterstützen.

KONTAKT

Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen

Bertastr. 5
30159 Hannover

Prävention: 0511 9895-556
Versicherungsschutz: 0511 9895-557
Allgemein: 0511 9895-555

Mail: info@fuk.de

AKTUELL

WEGFALL MELDEBOGEN

Vor einigen Jahren haben wir auf Bitten unserer Kunden für „Bagatell-Unfälle“ ein Formular „Meldebogen“ entworfen und herausgegeben.

 

Weiterlesen